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Westerwald/Rhein-Lahn-Kreis (shg) Ein plötzlicher Tod zerreißt Familien. Durch Verkehrsunfälle, Suizide und andere plötzliche Todesfälle erleiden Familien, aber auch Augenzeugen oder manchmal sogar die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten Traumata. „Im Falle eines Suizids werden statistisch gesehen etwa zehn Leben nachhaltig verändert; wie bei vielen anderen unserer Einsätze nimmt das Leben der Angehörigen durch einen solchen Schicksalsschlag einen anderen Verlauf,“ sagt Notfallseelsorgerin Ulrike Braun-Steinebach. Die evangelische Pfarrerin leitet seit vielen Jahren die beiden ökumenischen Notfallseelsorgen im Westerwald und im Rhein-Lahn-Kreis. Sie und ihre Teams stehen genau da den Menschen bei, wo es besonders weh tut: im ersten Moment des Schocks, in der Phase der ungläubigen Verzweiflung über den plötzlichen Verlust eines geliebten Menschen. Da gilt es Tränen aushalten, emotionale Unterstützung zu geben und einen Weg in die Trauer zu finden. Pfarrerin Braun-Steinebach hat mit uns im Interview über ihre Arbeit gesprochen.

Frage: Frau Braun-Steinebach, wann wird die Notfallseelsorge gerufen?
Braun-Steinebach: Die Integrierte Leitstelle in Montabaur ruft uns im Auftrag der sich im Einsatz befindlichen Rettungskräfte zur Hilfe. Wir werden alarmiert, wenn Betroffene, Angehörige oder manchmal auch Einsatzkräfte Erste Hilfe für die Seele benötigen. Im vergangenen Jahr wurden wir so zu 82 Einsätzen im Westerwald gerufen. Wir helfen Menschen, die sich plötzlich in einer Ausnahmesituation befinden, die ein Ereignis erleben, das ihr Leben aus der Bahn wirft und die nun rasch einen seelsorglichen Beistand brauchen. Das kann zum Beispiel durch das Überbringen einer Todesnachricht, den Suizid eines nahen Angehörigen oder einen tödlichen Verkehrsunfall geschehen.

Frage: Inwiefern hilft die Anwesenheit der Notfallseelsorge?
Braun-Steinebach: Ich bin davon überzeugt, dass wir die Zukunft der Hinterbliebenen verändern können. Für den Menschen, der sich plötzlich in einer Ausnahmesituation wiederfindet, ist es wichtig, dem Geschehen nicht allein und hilflos ausgeliefert zu sein. Unabhängig davon, ob unsere Hilfe angenommen oder zurückgewiesen wird, so erlebt sich der betroffene Mensch nicht völlig ohnmächtig.

Frage: Wie sieht das praktisch aus?
Braun-Steinebach: Manchmal ganz schlicht, indem wir eine Hand halten und einfach Zeit haben. Wir bieten aber auch helfende Rituale an, wie die Aussegnung Verstorbener. Dabei entstehen Brücken und offene Türen, Hinterbliebene können sich verabschieden und es fällt ihnen, meiner Erfahrung nach, leichter zu trauern.

Frage: Braucht es für diesen Dienst nicht einen besonders stabilen Charakter?
Braun-Steinebach: Sicher ist es eine anspruchsvolle Aufgabe. Eine Notfallseelsorger*in sollte erst mal für sich klären: Was ist meine Motivation? Die Person muss sich kennen und mit sich selber umgehen können und darf Themen wie Tod, Sterben und Trauer nicht scheuen. Unsere Schulung selbst besteht zunächst aus einem 80-stündigen Grundkurs und weiteren begleitenden Fortbildungen und Supervisionen. Aus Erfahrung gehen wir dabei in der Regel von einem langfristigen Engagement unserer Ehrenamtlichen aus, auf jeden Fall aber mindestens zwei ganze Jahre. Weitere wichtige Faktoren sind Verschwiegenheit, psychische und physische Belastbarkeit und nicht zuletzt die Möglichkeit zu haben, auch nachts im eigenen Auto zum Einsatz zu fahren.

Frage: Und die Tätigkeit selbst ist ehrenamtlich?
Braun-Steinebach: Ja, Notfallseelsorgende kommen aus unterschiedlichen Berufen und leisten aus einer christlichen Motivation heraus ehrenamtlich diesen Dienst. Und zwar für alle, die Hilfe brauchen, unabhängig von Religion und Weltanschauung. Wir haben Pfarrer*innen und Laien, die mitarbeiten. Ich selbst bin als Pfarrerin mit den Pfarrämtern für Notfallseelsorge im Westerwald und im Rhein-Lahn-Kreis von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau beauftragt.

Frage: Wie hat die COVID 19 Pandemie die Arbeit der Notfallseelsorge verändert?
Braun-Steinebach: Mit großem Bedauern haben wir Mitte März 2020 die beiden Notfallseelsorgesysteme Westerwald und Rhein-Lahn vom Netz genommen. Wir haben uns diesen Schritt damals nicht leicht gemacht. Nach intensiven Beratungen waren wir jedoch zum Schluss gekommen, dass wir unter dem Eindruck des vom Coronavirus (SARS-CoV-2) ausgehenden Risikopotentials unserer Fürsorgepflicht gegenüber Opfern, Einsatzkräften und unseren eigenen ehrenamtlichen Kräften nicht anders gerecht werden konnten. Zu groß waren die Unwissenheit und das Risiko. Knapp fünf Monate lang haben wir Einsatzanfragen nur im Einzelfall beantworten können.

Frage: Haben sich die Einsätze nach der Wiederaufnahme des Bereitschaftsdienstes pandemiebedingt verändert?
Braun-Steinebach: Die Maßnahmen zur Reduzierung des Ansteckungsrisikos, z. B. Pflicht zum Masketragen und Abstandhalten, lassen sich mit unserem Angebot menschlicher Nähe nur schwer in Einklang bringen. Aufgrund des unübersichtlichen Infektionsgeschehens ist jeder Einsatz mit einem erhöhten Risiko behaftet. Um in diesen Zeiten unserer erwähnten Fürsorgepflicht gerecht werden zu können, bedarf es einer sensiblen und zugleich vorsichtigen Herangehensweise. So können wir leider nicht immer handeln, wie wir es uns wünschen oder wollen. Ich habe dennoch die Hoffnung, dass unsere Einsätze auch weiterhin einen Sinn haben und den Menschen im Hier und Jetzt Trauer und langfristig Zukunft ermöglichen. (Quelle Evangelisches Dekanat im Westerwald)

Kategorie: Service, Tipps und Lebenshilfe
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