Westerburg (shg) Die Zukunft der Kirche stand im Mittelpunkt der Herbstsynode des Evangelischen Dekanats Westerwald. Unter dem Titel „Quo vadis, Kirche?“ setzte sich Pröpstin Henriette Crüwell aus der Propstei Rheinhessen und Nassauer Land mit den Veränderungen auseinander, vor denen die evangelische Kirche steht. Sie warb für neue Perspektiven, um den Blick nicht allein auf sinkende Mitgliederzahlen zu richten, sondern neu zu entdecken, was Kirche ausmacht und welche Chancen in der veränderten Situation liegen. „Wir erleben einen tiefgreifenden Relevanzverlust von Kirche, getoppt werden wir nur noch von den großen Parteien“, sagte Crüwell. Die Gesellschaft fremdele zunehmend mit Religion. Vielen Menschen fehle nichts, wenn Gott und Kirche in ihrem Leben keine Rolle spielten.
Crüwell schlug vor, diese Entwicklung neu zu betrachten: als Leben in der Diaspora. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet sinngemäß „Zerstreuung“. Ein Blick in die Geschichte zeige, dass christlicher Glaube keineswegs auf große Mehrheiten angewiesen sei. Schon das Volk Israel sei klein gewesen, ebenso die ersten christlichen Gemeinden. Abraham sei allein mit seiner Familie und seinem Haushalt in das, von Gott verheißene, Land aufgebrochen. „Gott arbeitet erstaunlich oft mit Minderheiten, Menschen ohne Macht, aber dafür mit Vertrauen“, sagte die Pröpstin.
Vieles, was die Volkskirche über Jahrzehnte geprägt habe, sei gut gewesen und trage Menschen bis heute. Die gesellschaftlichen Bedingungen hätten sich jedoch grundlegend verändert. Deshalb lohne sich der Blick auf Kirchen in Regionen, in denen Christinnen und Christen schon lange in der Minderheit leben. In Osteuropa etwa hätten Gemeinden häufig ein ausgeprägtes diakonisches Profil entwickelt und richteten ihre Arbeit an den Bedürfnissen der Menschen aus. Auch die Erfahrungen ostdeutscher Kirchen könnten wichtige Impulse für die Kirchenentwicklung geben. Dort engagierten sich Menschen in kirchlichen Zusammenhängen unter anderem gegen Ausgrenzung und für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Zugleich werde das kirchliche Leben vielfältiger. Tauffeste oder unkomplizierte Trauangebote, wie „Einfach heiraten“ erreichten Menschen, denen vieles am traditionellen Gemeindeleben fremd geworden sei, sagte Crüwell. Solche konkreten Erfahrungen könnten Nähe schaffen und neue Begegnungen ermöglichen. Dazu gehöre auch, Abschied und Trauer über das, was nicht weitergeführt werden könne, Raum zu geben, so Crüwell. Als Zuspruch stellte Pröpstin Crüwell das Bibelwort aus Matthäus 28 an das Ende ihres Vortrags: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“
Auch die Zusammenarbeit von Kirche und Kommunen spielte bei der Synode eine Rolle. In seinem Grußwort betonte Westerburgs Stadtbürgermeister Janick Pape die Bedeutung von Vertrauen und Eigenverantwortung für das gesellschaftliche Zusammenleben. Angesichts wachsender Unzufriedenheit und gesellschaftlicher Unruhen müsse es darum gehen, die Menschen vor Ort einzubeziehen und ihnen Verantwortung zuzutrauen. Das Subsidiaritätsprinzip, nach dem Aufgaben möglichst dort übernommen werden, wo sie bewältigt werden können, sei dafür zentral. Eine Kultur des Vertrauens verbinde Demokratie und Kirche. Die Synode selbst sei ein lebendiger Ausdruck dieses Prinzips, ebenso wie das ehrenamtliche Engagement vieler Menschen.
Die Tagung begann mit einem Gottesdienst und der Eröffnung durch den Vorsitzenden des Dekanatssynodalvorstandes, Dietmar Engelberth. Neben dem Vortrag von Pröpstin Crüwell beschäftigten sich die Synodalen mit aktuellen Entwicklungen im Dekanat. Dr. Sandra Herrmann stellte ihre Arbeit als Klimaschutzkoordinatorin vor. Sie steht künftig als Ansprechpartnerin für Klimaschutzmaßnahmen, unter anderem bei Fragen zu Fördermitteln, zur Verfügung.
Außerdem stellte sich Jugendpfarrer Frieder Elberskirch gemeinsam mit Jugenddelegierten der Evangelischen Jugend im Westerwald vor. Sie berichteten über Pläne für eine Jugendkirche, gemeinsame Aktionen und Möglichkeiten als junge Menschen Kirche zu gestalten. Nach Berichten von Dekan Dr. Axel Wengenroth, dem stellvertretenden Dekan Benjamin Schiwietz und dem Vorsitzenden Dietmar Engelberth standen Wahlen auf der Tagesordnung. Dr. Harald Leyser aus der Kirchengemeinde Wäller Land und Florian Jungbluth aus der Gesamtkirchengemeinde Westerwald Süd wurden als stellvertretende Mitglieder für die Synode der Landeskirche gewählt. Gemeindepädagoge Olaf Neumann übernimmt die Delegierung zum Landesausschuss für den Kirchentag.
Die Frühjahrssynode des Evangelischen Dekanats findet am 20. März 2027 am Evangelischen Gymnasium in Bad Marienberg statt. Für den 22. Oktober 2027 ist die nächste Herbstsynode in Westerburg geplant. (Evangl. Dekanat WW)